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Markenstimme entwickeln: So findest du den passenden Tone of Voice

Markenstimme entwickeln: Was Tone of Voice ist, Beispiele aus dem deutschen Markt, Duzen oder Siezen – und ein Brand Voice Guide in drei Schritten.

Tymur VagabovVagabov AgencyAktualisiert am 6 Min. Lesezeit
Markenstimme entwickeln: So findest du den passenden Tone of Voice
Inhalt · 7 Abschnitte

Stell dir vor, ein mittelständischer Maschinenbauer schreibt auf seiner Website: „Wir generieren holistische Synergieeffekte durch innovative Prozessoptimierung.“ Würde der Geschäftsführer so mit einem Kunden am Telefon sprechen? Natürlich nicht. Trotzdem stehen solche Sätze auf vielen Unternehmensseiten. Was dahinter fehlt, ist eine bewusst definierte Markenstimme – und das kostet Vertrauen, oft ohne dass es jemand merkt.

Viele kleine und mittlere Unternehmen schreiben einfach irgendwie: mal förmlich, mal locker, mal werblich, mal technisch. Das Ergebnis klingt, als kämen Website, Angebote und Social-Media-Beiträge von drei verschiedenen Firmen. In diesem Artikel zeige ich dir, warum deine Markenstimme (Tone of Voice) ein wichtiger Hebel für Vertrauen ist und wie du sie in drei Schritten entwickelst.

Was ist Tone of Voice – und warum ist er für KMU so wichtig?

Tone of Voice ist nicht, was du sagst, sondern wie du es sagst. Zwei Unternehmen können dieselbe Information vermitteln und trotzdem völlig unterschiedlich klingen. Zur Markenstimme gehören Wortwahl, Satzlänge, Ansprache, Rhythmus, Grad der Förmlichkeit und emotionale Färbung. Kurz: die hörbare Persönlichkeit deiner Marke.

Gerade kleine Unternehmen unterschätzen das. Große Marken haben dafür eigene Leitfäden und Teams, im Mittelstand entstehen Texte dagegen oft nebenbei: Die Geschäftsführung diktiert, jemand im Büro tippt, niemand prüft das Gesamtbild. Dabei ist eine klare Stimme für kleine Unternehmen besonders wertvoll: Mit ihr hebst du dich von größeren Wettbewerbern ab, bei denen vieles austauschbar klingt.

3 starke TOV-Beispiele aus dem deutschen Markt

Drei Marken, deren Stimme man in Deutschland sofort wiedererkennt:

IKEA – „Wohnst du noch oder lebst du schon?“: IKEA duzt in Deutschland seit vielen Jahren konsequent, in der Werbung genauso wie auf der Website und im Einrichtungshaus. Die Sprache ist locker, alltagsnah und oft mit einem Augenzwinkern. Das passt zu einer Marke, die Einrichten als etwas Unkompliziertes verkaufen will – und es zeigt, dass Duzen auch bei einer sehr breiten Zielgruppe funktioniert.

dm – „Hier bin ich Mensch, hier kauf ich ein“: Der Drogeriemarkt kommuniziert warm, nahbar und ohne Fachjargon. Der Slogan spielt auf Goethes „Faust“ an („Hier bin ich Mensch, hier darf ich's sein!“) und transportiert genau das, worum es der Marke geht: Wertschätzung statt Verkaufsdruck.

Sixt – frech und schlagfertig: Der Autovermieter ist bekannt für Anzeigen, die aktuelle Ereignisse aufgreifen und mit Wortwitz kommentieren, auch auf Kosten von Prominenten. Diese Stimme ist riskant und nicht für jede Branche geeignet. Aber man erkennt eine Sixt-Anzeige oft schon, bevor man das Logo sieht.

Gemeinsam ist allen dreien: Die Stimme ist nicht beliebig, sondern folgt aus dem, wofür die Marke stehen will. Genau da setzt du an.

Duzen oder Siezen? Die wichtigste Entscheidung im Deutschen

Im Englischen gibt es nur „you“. Im Deutschen musst du dich entscheiden – und diese Entscheidung prägt deine Markenstimme stärker als jedes Adjektiv. Ein paar Orientierungspunkte:

  • Zielgruppe: Wie sprichst du mit deinen Kunden im Laden, am Telefon oder bei Terminen? Wenn du dort duzt, wirkt eine gesiezte Website distanziert – und umgekehrt.
  • Branche: In Lifestyle, Gastronomie, Sport und bei Startups ist Duzen verbreitet. In Rechts- und Steuerberatung, Medizin oder im klassischen B2B-Einkauf wird öfter gesiezt. Das sind Tendenzen, keine Regeln.
  • Konsequenz: Wichtiger als die Wahl selbst ist, dass du sie überall durchhältst. Der häufigste Fehler ist der Mix: Website geduzt, Angebot gesiezt, Newsletter wieder geduzt.
  • Schreibweise: „du“ und „dein“ werden kleingeschrieben. Die Großschreibung ist in Briefen erlaubt, auf Websites und in Marketingtexten aber unüblich.

Wir duzen auf unserer Website übrigens konsequent, weil das zu unserer Haltung passt. Für ein Notariat könnte die Entscheidung ganz anders ausfallen – und wäre genauso richtig.

So entwickelst du deine Markenstimme in 3 Schritten

Schritt 1: Drei Adjektive finden. Stell dir vor, deine Marke wäre ein Mensch auf einer Party. Wie würde dieser Mensch sprechen? Gib ihm drei Eigenschaften und ergänze zu jeder, was sie nicht bedeutet. Ein Beispiel für eine Steuerkanzlei: „klar, aber nicht kühl“, „kompetent, aber nicht belehrend“, „ruhig, aber nicht langweilig“. Erst die Abgrenzung macht die Adjektive brauchbar, weil sie Missverständnisse im Team verhindert.

Schritt 2: TOV-Dimensionen festlegen. Ordne deine Marke auf vier Skalen von 1 bis 10 ein. Die 1 steht für den linken, die 10 für den rechten Pol:

  • Förmlich (1) ↔ Locker (10)
  • Sachlich-technisch (1) ↔ Emotional (10)
  • Knapp (1) ↔ Ausführlich (10)
  • Distanziert (1) ↔ Nahbar (10)

Ein Anlagenbauer landet vielleicht bei 3, 2, 6 und 4: eher förmlich, sehr sachlich, eher ausführlich und mit etwas Abstand. Ein junges E-Commerce-Startup eher bei 8, 7, 3 und 9. Es gibt kein Richtig oder Falsch, nur passend oder unpassend für deine Zielgruppe.

Schritt 3: Einen Brand Voice Guide erstellen. Fass alles auf ein bis zwei Seiten zusammen, die jeder versteht, der für deine Marke schreibt – Mitarbeitende, Freelancer oder ein KI-Tool. Hinein gehören:

  • deine drei Adjektive mit Abgrenzung,
  • dein Profil auf den vier Skalen,
  • die Entscheidung fürs Duzen oder Siezen,
  • Vorher-nachher-Beispiele für typische Texte,
  • eine Liste mit Wörtern, die du nicht verwendest – „holistische Synergieeffekte“ gehört garantiert drauf,
  • Formulierungen, die zu dir passen, etwa für Begrüßung, Absage oder Preisangabe.

Ein praktischer Nebeneffekt: Wenn du KI-Tools wie ChatGPT oder Claude für Texte nutzt, gibst du ihnen den Guide als Anweisung mit. Die Ergebnisse klingen dann deutlich mehr nach dir und weniger nach Standard-Marketing.

Vorher, nachher: So klingt der Unterschied

Drei typische Sätze, einmal ohne und einmal mit klarer Stimme – hier für ein lockeres, nahbares Profil:

VorherNachher
„Wir bieten ganzheitliche Lösungen für individuelle Kundenanforderungen.“„Wir bauen dir genau die Website, die dein Betrieb braucht – nicht mehr und nicht weniger.“
„Bei Rückfragen steht unser Team jederzeit gerne zur Verfügung.“„Fragen? Ruf an oder schreib uns – Maria antwortet dir persönlich.“
„Die Leistungserbringung erfolgt nach erfolgter Auftragserteilung.“„Sobald du zusagst, legen wir los.“

Für ein förmliches Profil sähe das „Nachher“ anders aus, wäre aber genauso klar: kurze Sätze, aktive Verben, keine Floskeln. Klare Sprache ist keine Frage der Anrede.

Der häufigste Fehler: Für alle gefallen wollen

Wenn du für alle sprichst, sprichst du für niemanden. Eine klare Markenstimme darf anecken – und das ist gut so. Die Menschen, die deine Art mögen, fühlen sich angesprochen. Die anderen passen vielleicht ohnehin nicht zu deinem Angebot. Neutral klingt niemand. Auch der nüchternste Maschinenbauer hat eine Stimme – sie wurde nur nie bewusst festgelegt.

Markenstimme im Alltag verankern

Ein Guide, der in einem Ordner verstaubt, ändert nichts. Damit die Stimme im Alltag ankommt:

  • Überarbeite zuerst die Texte mit der größten Wirkung: Startseite, Leistungsseiten, E-Mail-Signatur und Angebotsvorlage.
  • Gib den Guide allen, die schreiben – auch der Aushilfe, die Social Media betreut, und externen Dienstleistern.
  • Prüf neue Texte vor der Veröffentlichung gegen deine drei Adjektive: Klingt das nach uns?
  • Schau einmal im Jahr, ob die Stimme noch zu deiner Marke und deinen Kunden passt.

Deine Markenstimme ist kein Luxusprojekt, sondern der rote Faden, der Website, Social Media, E-Mails, Angebote und Kundengespräche zu einem stimmigen Markenerlebnis verbindet. Kunden kaufen nicht nur ein Produkt, sondern auch das Gefühl, das eine Marke auslöst – und Sprache trägt einen großen Teil dazu bei.

Bei uns ist die Tonalität Teil des Branding-Systems ab 1.000 €, zusammen mit Logo, Farbpalette, Typografie, Bildsprache und Markenhandbuch.

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