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Barrierefreie Website 2026: Gilt das BFSG für dein Unternehmen?

Seit Juni 2025 gilt das BFSG – aber nicht für jede Website. Wen die Pflicht trifft, welche Ausnahmen gelten und welche WCAG-Schritte du angehen solltest.

Tymur VagabovVagabov AgencyAktualisiert am 7 Min. Lesezeit
Barrierefreie Website 2026: Gilt das BFSG für dein Unternehmen?
Inhalt · 6 Abschnitte

Seit dem 28. Juni 2025 gilt in Deutschland das Barrierefreiheitsstärkungsgesetz, kurz BFSG. Seitdem kursieren zwei gegensätzliche Missverständnisse: „Ab jetzt muss jede Website barrierefrei sein“ — und „Als kleiner Betrieb betrifft mich das sowieso nicht“. Beides stimmt so nicht.

In diesem Artikel erkläre ich, wen das BFSG tatsächlich verpflichtet, welche Ausnahmen gelten, welcher technische Standard dahintersteht und mit welchen fünf Schritten du deine Website barrierefreier machst — ob du gesetzlich musst oder nicht.

Hinweis: Dieser Artikel ist ein allgemeiner Überblick (Stand: Oktober 2026) und keine Rechtsberatung. Ob das BFSG für dein Angebot gilt, klärst du im Zweifel mit einer Anwältin, einem Anwalt oder deiner IHK.

Was ist das BFSG — und betrifft es dein Unternehmen?

Das BFSG setzt die EU-Richtlinie 2019/882 um, den European Accessibility Act. Es gilt nicht für alle Websites, sondern für bestimmte Produkte und Dienstleistungen für Verbraucherinnen und Verbraucher. Bei den Produkten geht es etwa um Computer, Smartphones, E-Book-Reader und Geldautomaten. Bei den Dienstleistungen unter anderem um Telekommunikation, Bankdienstleistungen für Verbraucher, E-Books, bestimmte Angebote im Personenverkehr — und um den sogenannten elektronischen Geschäftsverkehr.

Für die meisten KMU ist dieser letzte Punkt entscheidend. Gemeint sind Angebote auf Websites oder in Apps, über die Verbraucher online einen Vertrag abschließen (§ 2 Nr. 26 BFSG). Typische Beispiele:

  • ein Online-Shop, der an Privatkunden verkauft,
  • ein Buchungsportal oder Ticketverkauf,
  • ein Online-Bestellsystem, etwa für Essen zum Abholen oder Liefern.

Auch ein Online-Terminbuchungssystem, über das Kunden direkt eine Leistung buchen, kann darunterfallen. Bei solchen Mischformen lohnt sich ein genauer Blick.

Nicht zu verwechseln ist das BFSG mit der BITV 2.0: Diese Verordnung gilt für öffentliche Stellen des Bundes, also etwa Behörden — nicht für private Unternehmen.

Wann das BFSG in der Regel nicht greift

  • Reine Informationswebsites: Eine Seite, die dein Unternehmen vorstellt und Kontaktmöglichkeiten bietet, ohne dass online ein Vertrag mit Verbrauchern zustande kommt, fällt in der Regel nicht darunter. Ein Kontaktformular allein macht aus ihr noch keinen Online-Shop.
  • Reine B2B-Angebote: Das Gesetz schützt Verbraucher. Wer ausschließlich an Unternehmen verkauft, ist mit diesem Angebot grundsätzlich nicht erfasst.
  • Kleinstunternehmen, die Dienstleistungen erbringen: Wer weniger als zehn Personen beschäftigt und höchstens 2 Millionen Euro Jahresumsatz oder Jahresbilanzsumme hat (§ 2 Nr. 17 BFSG), muss die Anforderungen für Dienstleistungen nicht erfüllen. Für Produkte gilt diese Ausnahme nicht.

Auch wenn du unter eine Ausnahme fällst: Barrierefreiheit ist kein verlorenes Geld. Eine Website, die sich gut lesen und bedienen lässt, funktioniert für alle besser — und du bist vorbereitet, falls dein Unternehmen wächst oder du später einen Shop ergänzt.

Und wenn das BFSG für dich gilt? Dann muss dein Angebot die Barrierefreiheitsanforderungen erfüllen. Außerdem musst du öffentlich und in barrierefreier Form darüber informieren, wie es diese Anforderungen erfüllt (§ 14 BFSG mit Anlage 3). In der Praxis geschieht das meist über eine „Erklärung zur Barrierefreiheit“ auf der Website.

Welcher Standard gilt? WCAG einfach erklärt

Als technischer Maßstab gilt in der Praxis die europäische Norm EN 301 549. Diese verweist für Webinhalte auf die Web Content Accessibility Guidelines (WCAG) 2.1 in der Stufe AA. Die aktuelle Version WCAG 2.2 baut darauf auf und ergänzt einige Kriterien, etwa zur Sichtbarkeit des Tastaturfokus und zur Mindestgröße von Klickflächen. Wer heute neu baut, orientiert sich am besten gleich an WCAG 2.2 AA.

Die WCAG beruhen auf vier Prinzipien:

  • Wahrnehmbar: Inhalte müssen über mehr als einen Sinn erfassbar sein. Bilder brauchen Alternativtexte, Videos Untertitel.
  • Bedienbar: Alles muss sich auch per Tastatur bedienen lassen — ohne Fallen, aus denen man nicht mehr herauskommt.
  • Verständlich: Texte sind klar, die Navigation ist vorhersehbar, Formulare erklären, was sie erwarten. Fehlermeldungen sagen, was genau falsch ist, nicht nur „Fehler“.
  • Robust: Die Website funktioniert zuverlässig mit Hilfstechnologien wie Screenreadern, zum Beispiel NVDA, JAWS oder VoiceOver.

5 praktische Schritte zu einer barrierefreien Website

1. Alternativtexte für Bilder: Nicht „Bild123.jpg“, sondern zum Beispiel: „Bäckermeisterin vor ihrer Filiale, im Schaufenster frische Brötchen“. Gute Alt-Texte sind konkret und kurz. Rein dekorative Bilder bekommen ein leeres Alt-Attribut (alt=""), damit Screenreader sie überspringen. Videos brauchen Untertitel. Tools wie WAVE oder axe DevTools finden fehlende Alt-Texte automatisch.

2. Ausreichende Farbkontraste: In Stufe AA verlangen die WCAG ein Kontrastverhältnis von mindestens 4,5:1 für normalen Text und 3:1 für große Schrift (ab 24 Pixel, fett ab knapp 19 Pixel). Auch die Umrisse von Bedienelementen, etwa der Rahmen eines Eingabefelds, und wichtige Grafiken brauchen mindestens 3:1. Ein Kontrast-Checker, etwa der von WebAIM, zeigt dir in Sekunden, ob deine Farben passen. Der Klassiker unter den Fehlern: hellgrauer Text auf weißem Grund — elegant, aber für viele Menschen schwer lesbar.

3. Tastaturbedienung sicherstellen: Drück auf deiner Website die Tab-Taste. Kommst du überall hin? Siehst du jederzeit, wo du gerade bist? Kommst du aus jedem Element, etwa einem Pop-up, wieder heraus? Ein sichtbarer Fokusrahmen gehört zu den AA-Anforderungen. Wer ihn im CSS mit outline: none entfernt, muss einen eigenen, gut sichtbaren Fokusstil setzen. Achte auch darauf, dass Cookie-Banner oder fest stehende Kopfzeilen das fokussierte Element nicht verdecken — das ist eines der neuen Kriterien in WCAG 2.2.

4. Semantisches HTML verwenden: Screenreader lesen die Struktur deiner Seite, nicht dein Design. Eine Überschrift ist ein <h2>, kein <div> mit großer, fetter Schrift. Die Navigation steckt in <nav>, ein Button ist ein <button>. Formularfelder brauchen sichtbare, korrekt verknüpfte Beschriftungen, und die Sprache der Seite gehört ins HTML (lang="de"). Eine saubere Struktur hilft übrigens auch Suchmaschinen, deine Inhalte zu verstehen.

5. Finger weg von Accessibility-Overlays: Die Versuchung ist groß: ein Plugin, das per Code-Schnipsel „automatisch barrierefrei“ machen soll. Solche Overlays werden von Fachleuten für Barrierefreiheit breit kritisiert, weil sie Probleme eher überdecken als lösen. In den USA wurde der Anbieter accessiBe 2025 nach einem Verfahren der Handelsbehörde FTC verpflichtet, eine Million US-Dollar zu zahlen — wegen nicht belegter Versprechen, sein Tool mache jede Website WCAG-konform. Barrierefreiheit entsteht im Code und im Inhalt, nicht durch eine Schicht obendrauf.

Zum Testen: Automatische Tools wie WAVE, axe DevTools oder der Lighthouse-Bericht in Chrome finden viele, aber längst nicht alle Probleme. Ergänze sie um einen Tastaturtest und probier deine wichtigsten Seiten einmal mit einem Screenreader aus. VoiceOver ist auf jedem Mac und iPhone bereits an Bord, NVDA für Windows ist kostenlos.

Was passiert, wenn du betroffen bist und nicht handelst?

Zuständig für die Kontrolle ist die gemeinsame Marktüberwachungsstelle der Länder für die Barrierefreiheit von Produkten und Dienstleistungen (MLBF) in Magdeburg. Die Behörde kann verlangen, dass Mängel behoben werden, und Bußgelder verhängen — je nach Verstoß bis zu 10.000 oder bis zu 100.000 Euro (§ 37 BFSG). Verbraucher und anerkannte Verbände können außerdem bei der Behörde beantragen, dass sie ein Verfahren einleitet (§ 32 BFSG).

Dazu kommt das Wettbewerbsrecht: Seit Sommer 2025 sind erste Abmahnungen von Mitbewerbern bekannt geworden, die sich auf das UWG stützen. Wie Gerichte BFSG-Verstöße auf Dauer bewerten, ist noch nicht abschließend geklärt. Wenn du eine Abmahnung bekommst: nicht ignorieren, nicht ungeprüft unterschreiben, sondern anwaltlich prüfen lassen.

Und schließlich geht es um Kundschaft. Laut Statistischem Bundesamt lebten Ende 2025 gut 7,8 Millionen schwerbehinderte Menschen in Deutschland, das sind 9,4 % der Bevölkerung. Dazu kommen viele ältere Menschen mit nachlassender Sehkraft und alle, die vorübergehend eingeschränkt sind: mit dem Arm in Gips, im grellen Sonnenlicht oder in einer lauten Umgebung ohne Ton. Eine Website, die für sie nicht funktioniert, verliert Anfragen — ganz unabhängig vom Gesetz.

Fazit: Erst klären, dann gezielt umsetzen

Prüf zuerst, ob das BFSG für dein Angebot gilt: Verkaufst du online an Verbraucher? Kommen über deine Website Verträge zustande? Liegst du über den Schwellen für Kleinstunternehmen? Wenn du alle drei Fragen mit Ja beantwortest, gehören die fünf Schritte oben und eine Erklärung zur Barrierefreiheit auf deine To-do-Liste. Wenn nicht, lohnen sich die Grundlagen trotzdem. Bei einem Neubau kosten sie wenig und machen deine Website für alle besser.

Barrierefreiheit ist kein Feature, das man am Ende „dranflanscht“. Am einfachsten ist es, sie von Anfang an mitzudenken. Wenn du wissen willst, wo deine Website technisch steht, schauen wir sie uns im kostenlosen Erstgespräch gemeinsam an.

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